Das Bildnerische Denken

„I do not think I ever reflect in words: I employ visual diagrams“

Diese Selbstbeschreibung von Charles S. Peirce (1839-1914) bildet den Ausgangspunkt für eine neue Sicht auf das Denken des amerikanischen Naturwissenschaftlers, Philosophen und Begründers des Pragmatismus und der Semiotik. Peirce war ein obsessiver Zeichner. Neben einer graphischen Logik entwickelte er eine zeichnerische Praxis, die untrennbar mit seinem Denken verwoben war, in ihrer philosophischen Relevanz aber bislang übersehen wurde. Wer sich die handschriftlich verfassten Manuskriptseiten genauer anschaut, entdeckt beim Durchblättern von Peirces monumentalem handschriftlichen Œuvre jedoch weit mehr als nur Text. Denn Peirces Notizbücher enthalten eine unglaubliche Fülle an ikonischen Formen, die über rein textliche Notationen hinausgehen: beiläufig, wie zur Entspannung hingeworfene Randzeichnungen, präzise graphische, tabellarische und diagrammatische Überlegungen, bis hin zu fein ausgearbeiteten Darstellungen naturwissenschaftlicher Probleme; daneben Fratzen, Masken, Grimassen und Karikaturen von unmittelbarer Ausdrucksstärke. Bemerkenswert ist dabei, dass die Zeichnungen bisher nicht nur weitgehend von der Forschung ignoriert wurden, sondern noch nicht einmal systematisch erfasst worden sind. Peirces bildnerisches Denken scheint sich demnach in die Liste der unzähligen Neuentdeckungen wissenschaftlicher Werke einzureihen, deren Bilder und Abbildungen allzu lang von den Geisteswissenschaften vernachlässigt worden sind. Auf der Basis dieses Materials fragt geht es um die Frage, wie in und mit Bildern gedacht werden kann.