Die Masse als Netz

Im Februar 2012 findet, wie hier bereits angekündigt, das zweite Medienwissenschaftliche Symposium der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) zum Thema Soziale Medien – Neue Massen an der Uni Lüneburg statt. Super Thema, endlich wird in der institutionalisierten Medienwissenschaft mal ein Thema gepusht, das sich sonst hauptsächlich im Netz und damit (noch immer) parallel zum etablierten Wissenschaftsdiskurs abspielt. Das erste Symposium über Das Programm der Medien 2009 war bereits ein ziemlicher Erfolg und das Format hat hervorragend funktioniert. Leider wurde mein Paper abgelehnt – passt nicht ins Programm. Schade, wäre super gerne dabei gewesen… Hier mein Abstract für Sektion 4. Welche Öffentlichkeiten:

Die Verachtung der Masse, wie sie von LeBon, Freud und Canetti über Ortega, Anders und Riesman bis hin zu Baudrillard, Habermas und Sloterdijk formuliert wird, fußt vor allem auf der Notwendigkeit einer übergeordneten, die Masse manipulierenden Instanz. Auch wenn sich das Erscheinungsbild der Masse mit dem Aufeinandertreffen von Massen- und Mediendiskurs tiefgreifend verändert, basiert die Ablehnung alles Massenhaften weiterhin auf der Struktur dieser außengeleiteten Masse. Im Zuge der zunehmenden Technisierung von Produktion (Industrialisierung der Vervielfältigung) und Distribution (Beschleunigung des Transports) verstärkt sich dieser Eindruck sogar noch: so wird der Masse nicht nur ihre physische Präsenz entzogen, sondern auch ihre politische Kraft – sie wird nicht zum manipulierten Mob, sondern, viel schlimmer, zu einem verstummten Publikum passiver Empfänger von Programmen degradiert, die das Bedürfnis einer Massenbildung gar nicht mehr verspüren, sodass die öffentlich auftretende Masse schliesslich ebenso zu verschwinden beginnt, wie die Furcht vor der politischen und destruktiven Macht der Massen.

Die Analyse des weiteren Diskursverlaufs – und hier soll der Beitrag ansetzen – zeigt allerdings, wie der Massenbegriff im Zuge der Diskussion über die neu verteilte Macht zur Herstellung von Öffentlichkeit schliesslich in eine weitere Krise gerät. Im Mittelpunkt steht dabei eine Demokratisierung der Diskurse, die vor allem auf die veränderte Kommunikationsstruktur neuer Medientechnologien zurückgeführt wird. Seit der digitale Medienumbruch Kommunikationen zunehmend als Interaktion über mediale Umge- bungen organisiert, erweist sich ihre Struktur für Massenbotschaften als grundsätzlich ungeeignet und marginalisiert damit nicht nur dem Einfluss durch eine leitende Instanz, sondern entzieht sich ihrem Prinzip an sich. So ist die der Ethik des Industriezeitalters verpflichtete Vorstellung der Trennung von Produktion und Konsumption heute ebenso implodiert, wie die Fassung einer homogenen und raum-zeitlich begrenzten Öffentlichkeit. Negri und Hardt haben mit ihrem Konzept der Multitude als erste eine Transformation der Diskursfigur der Masse nahegelegt, in der die Masse ihren Subjekt-Status zurückerobert, weil sie sich nun der Manipulation durch Führer oder Programme entzieht.

Ist die Furcht vor den massenmedial manipulierten Massen damit heute Geschichte geworden? Bringen die neuen Vernetzungsmöglichkeiten die Menschen zurück „auf die Straße“, wie es im Falle der arabischen Revolution immer wieder unterstellt wurde? Ist der Zusammenschluss von Individuen als Multitudes mehr, als nur eine Television des Cyberspace, die von imaginären Massen demonstrierender Avatare betrieben wird? Kann eine Masse, die weder an Sichtbarkeit noch an physische Präsenz gebunden ist, als politisches Subjekt auftreten? Und welche Kriterien definieren Masse angesichts der veränderten Beschaffenheit des Medialen überhaupt (noch) als solche?

Im Umbruch individueller und kollektiver Interaktions- und Interventionsmöglichkeiten vollzieht sich die Konstitution und Neukonstellation von Masse immer weniger innerhalb fester hierarchischer Ordnungen, linearer Handlungsketten, räumlich konkreter Strukturen oder nationaler Regulierungs- und Kommunikationsräume. Damit basiert die Vorstellung der neuen Massen weder auf der unkalkulierbaren Naturkraft der Menschenansammlung, noch kann sie im Sinne einer privatisierten Massenhaftigkeit des Individuellen thematisiert werden, das kein handelndes Subjekt der Geschichte mehr darstellt. Die Akteure, deren Einordnung nun zur Disposition steht, lassen sich vielmehr als netzartig informierte, transnational operierende und organisatorisch diffuse Agenten beschrieben, die eindeutige und feste Zuordnungen nicht mehr zulassen (z.B. Flashmobs, Facebookgruppen, File-Sharer, DoS-Attacker, Follower). Mit ihnen steht die These vom Verschwinden der Masse, wie sie als medial verursachte Isolierung der Individuen vorgetragen wurde, vor der Neuverhandlung.

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