Social Media

  

The project explored how the transformation of individual forms of interaction (known as „social“ media) affetcs the notion of the political in the post-media era.

Seit der Mensch Infor­ma­tio­nen schnel­ler bewe­gen kann als sich selbst, ver­bin­det sich mit dem Phä­no­men die­ser soge­nann­ten Infor­ma­ti­ons­re­vo­lu­tion auch eine Neu­ver­hand­lung der poli­ti­schen und der sozia­len Dimen­sion von Kom­mu­ni­ka­ti­ons­in­fra­struk­tu­ren. Begriff­lich meint dies einer­seits die Trans­for­ma­tion der Rege­lung öffent­li­cher Ange­le­gen­hei­ten, also eine Neu­fas­sung des Poli­ti­schen und ande­rer­seits die ver­än­der­ten For­men der Gesamt­heit sozia­ler Bezie­hun­gen, also eine Neu­fas­sung von Gesell­schaft. Medien sind dabei nicht neu­trale Instru­mente oder Mit­tel in Tausch­pro­zes­sen, son­dern als mediale Appa­rate (Ben­ja­min), Codes (Flus­ser), Dis­po­si­tive (Fou­cault), Auf­schrei­be­sys­teme (Kitt­ler), Exten­si­ons (McLu­han) usw. immer schon Teil der poli­ti­schen und sozia­len Form, auch wenn sie selbst dazu ten­die­ren sich Wahr­nehm­bar­keit kate­go­risch zu entziehen.

Spä­tes­tens seit Brechts kano­ni­scher Rede über die Umfunk­tio­nie­rung des Rund­funks von einem Distributions- in einen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ap­pa­rat ver­bin­det sich mit der Infor­ma­ti­ons­re­vo­lu­tion die Idee der Ver­än­de­rung der Moda­li­tä­ten und Akteure poli­ti­schen und sozia­len Hand­lens, über die Enzens­ber­ger und Baudril­lard spä­ter als uto­pi­sche Vision einer demo­kra­ti­sche­ren Gesell­schafts­struk­tur strit­ten. Seit der digi­tale Medi­en­um­bruch Kom­mu­ni­ka­tio­nen nun zuneh­mend als Inter­ak­tion über mediale Umge­bun­gen orga­ni­siert (Social Media, Web 2.0), scheint sich diese Uto­pie (in posi­ti­ver wie in nega­ti­ver Hin­sicht) zu rea­li­sie­ren: Ob dies nun Fra­gen nach Besitz, Pro­duk­tion, Regie­rung, Ver­mitt­lung oder Pri­vat­sphäre betrifft – in einer Gesell­schaft, die ihren gegen­wär­ti­gen Sta­tus mit dem Zusatz Infor­ma­tion beschreibt, ver­han­delt die Beschaf­fen­heit des Media­len die Fas­sung ver­teil­ter Hand­lungs­macht und gesell­schaft­li­cher Ver­hält­nisse neu.

Wäh­rend die Kul­tur­tech­ni­ken der „alten“ Medien der Mas­sen­kom­mu­ni­ka­tion wei­ter an Ein­fluss ver­lie­ren, ist die Ver­fasst­heit der Gesell­schaft im Zuge der ver­än­der­ten Orga­ni­sa­ti­ons­lo­gik des Digi­ta­len in eine Krise gera­ten: So ist etwa die der Ethik des Indus­trie­zeit­al­ters ver­pflich­tete Vor­stel­lung der Tren­nung von Pro­duk­tion und Kon­sump­tion heute ebenso implo­diert, wie die Fas­sung einer homo­ge­nen und raum-zeitlich begrenz­ten Öffent­lich­keit. Statt­des­sen sind Kom­mu­ni­ka­tio­nen in der digi­ta­len Gesell­schaft zuneh­mend dia­lo­gisch und rhi­zo­ma­tisch orga­ni­siert. Die Netz­kul­tur hat eine ver­teile und hori­zon­tale Infra­struk­tur her­vor­ge­bracht, deren Medien erst durch Ihren Gebrauch ent­ste­hen und deren community-basierte For­men der Kom­mu­ni­ka­tion des­halb zurecht als „sozial“ bezeich­net werden.

Im Umbruch indi­vi­du­el­ler und kol­lek­ti­ver Interaktions- und Inter­ven­ti­ons­mög­lich­kei­ten voll­zieht sich die Kon­sti­tu­tion und Neu­kon­stel­la­tion von poli­ti­schen Macht­ge­fü­gen immer weni­ger inner­halb fes­ter hier­ar­chi­scher Ord­nun­gen, uni­di­rek­tio­na­ler Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mo­delle, räum­lich und mate­ri­ell kon­kre­ter Besitz­struk­tu­ren oder natio­na­ler Regulierungs- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­räume (Volks­par­teien, Natio­nal­staa­ten, Insti­tu­tio­nen, Mas­sen­me­dien etc.). Der damit ver­bun­de­nen Trans­for­ma­tion von Herrschafts- und Wis­sens­ord­nun­gen ent­spricht aber kei­nes­wegs so etwas wie eine Welt­re­gie­rung oder über­ge­ord­nete Struk­tur. Viel­mehr ent­ste­hen netz­ar­tig infor­mierte, trans­na­tio­nal ope­rie­rende und orga­ni­sa­to­risch dif­fuse Agen­ten, die ein­deu­tige Zuord­nun­gen nicht mehr zulas­sen (soziale Bewe­gun­gen, dot.coms, Whistle-Blower, Blog­ger, Offshore-Finanzplattformen, Pira­ten, Flashmobs, Fol­lo­wer, Ter­ror­netz­werke, NGOs, Facebookgruppen, Staatstrojaner, Crowd-Funder etc.). Diese neuen Akteure eta­blie­ren For­men der Han­delns, deren zen­tra­les Instru­ment der poli­ti­schen Steue­rung der Zugriff auf und die Zir­ku­la­tion von Infor­ma­tio­nen sind. Ihre Hand­lun­gen basie­ren dabei auf Modi der Inter­ak­tion, die weder hier­ar­chisch, zen­tra­li­siert oder insti­tu­tio­na­li­siert noch räum­lich kon­kret, ter­ri­to­rial regu­liert oder an Besitz gebun­den sein müs­sen (file sharing, DoS-Attacks, stock exch­ange, ubi­qui­tous com­pu­ting, crowd-sourcing, lik­eing, datami­ning etc.).

Vor die­ser medial indu­zier­ten Trans­for­ma­tion zeich­nen sich zwei kom­ple­men­täre Ten­den­zen ab, die das Projekt in den Blick nimmt: einer­seits unter­wan­dern die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­zesse eta­blierte Macht­ver­hält­nisse und ver­än­dern Par­ti­zi­pa­ti­ons­struk­tu­ren (Dezen­tra­li­sie­rung, Deter­ri­to­ria­li­sie­rung, Asym­me­trie­rung etc.), die etwa eine Ablö­sung des Para­dig­mas der Kon­troll­ge­sell­schaft (Deleuze) durch das Kon­zept der Mul­ti­tude nahe­le­gen (Negri & Hardt). Ande­rer­seits wei­sen sie aber auch tech­no­kra­ti­sche und impe­ria­lis­ti­sche Effekte auf, die gegen­wär­tig zu einer Neu­kon­fi­gu­ra­tion von Hege­mo­nie füh­ren. Den Libe­ra­li­sie­rungs­er­schei­nun­gen durch digi­tale Informations- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gien ste­hen also auch neue Mög­lich­kei­ten der Kon­trolle und Beherr­schung gegen­über, die nicht nur im Iran oder in China, son­dern genauso bei Google, der Vor­rats­da­ten­spei­che­rung oder im Media­markt nebenan unüber­seh­bar sind. (Bil­der: Eugène Delacroix: Die Frei­heit führt das Volk, New York Times, Second Life)