Soziale Medien – Neue Massen

Im Februar 2012 wird zum zweiten Mal das »Medienwissenschaftliche Symposium« der DFG stattfinden, dessen Aufgabe es ist, „die Entwicklung der Medienwissenschaft in Deutschland durch die Diskussion zentraler, gemeinsam interessierender Themen voranzubringen“. Der dafür ausgeschriebene CfP mit dem Titel »Soziale Medien — Neue Massen« fragt nach dem Zusammenhang von Medien und Öffentlichkeit – ein spannendes und höchst aktuelles Thema (das im Gegensatz zum ersten Symposium zudem ein klar formuliertes Anliegen hat): denn mit dem Motiv „einer brüchig werdenden Beschreibungsmacht hergebrachter Konzeptualisierungen von Massen und Massenmedien [und] den schon länger kursierenden Diagnosen zerstreuter Öffentlichkeiten“ (CfP) ist die Diskursfigur der Masse tatsächlich in eine Krise geraten. Betrachtet man den Diskursverlauf des Massenbegriffs von den frühen Massentheorien des späten 19. Jahrhunderts über die Massenmedientheorien des 20. Jahrhunderts bis zu den Netzwerktheorien des 21. Jahrhundert, so offenbaren sich die Brüche vor allem entlang der Übergänge von der industriellen Arbeitsgesellschaft zur postindustriellen Massenmediengesellschaft zur postmassenmedialen Netzwerkgesellschaft, die sich historisch vor, in und nach den Massenmedien verorten lassen und die von unterschiedlichen Konzepten von Öffentlichkeit geprägt sind.

Der Vergleich massentheoretischer Ansätze zeigt interessanterweise zunächst, dass die frühen Theorien den Massenbegriff kaum mit den Veränderungen der Kommunikationsverhältnisse assoziieren und den Zusammenhang von medientechnischen Umbrüchen und der Veränderung der For­men der Gesamt­heit sozia­ler Bezie­hun­gen („Gesellschaft“) zunächst größtenteils ausklammern. Erst mit Walter Benjamins vielzitiertem Kunstwerkaufsatz (vgl. Benjamin 1936/2002: 351-383) rückt die Problematik in eine prominentere Position: der Massendiskurs trifft auf den Mediendiskurs.Diese Überschneidung wird vor allem im Rahmen der zunehmenden Technisierung von Produktion (Industrialisierung der Vervielfältigung) und Distribution (Beschleunigung des Transports) möglich, denn mit ihr verändert sich die Konstitution von Masse und es entsteht dass, was bis zum Ende des 20. Jahrhunderts als Öffentlichkeit bezeichnet wird: eine unpersönliche, interaktionsarme Verbindung zwischen Menschen, die außerhalb direkter Sprecher-Hörerbeziehungen kommunizieren (vgl. Hartmann 2008: 25ff) oder dem pessimistischen Kanon der Medientheorie der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entsprechender formuliert: ein Produkt der Kulturindustrie für ein verstummtes Publikum.

Prägend für diesen Massen-Medien-Diskurs ist insbesondere die Transformation der Beziehungen der Individuen in der Masse, die zunehmend räumlich prekär werden: Während die physisch präsente Masse ihren frühen Beobachtern noch „als unkalkulierbare und elementare Naturkraft [erscheint], deren Sog so stark ist, daß sie auch gesittete und friedliche Menschen in ihren Bann zieht und mitreißt“ (König 1992: 97), thematisierten die neueren Theorien des fortgeschrittenen 20. Jahrhunderts Masse eher im Sinne einer privatisierten Massenhaftigkeit des Individuellen, die kein handelndes Subjekt der Geschichte mehr darstellen kann (etwa Anders, Baudrillard, Riesman, Sloterdijk). Anstatt als physisch bewusste Menschenmenge zu agieren, sitzen ihre Einzelteile solistisch vor den Empfangsgeräten.

Inzwischen aber, und hier setzt die Idee des Symposiums an, ist die Debatte über die Neuverhandlung des Öffentlichen und der Öffentlichkeit, die im Netz bereits seit einiger Zeit geführt wird (vgl. hier, hier oder hier) auch in den Wissenschaften angekommen (endlich!). Sie stellt die Frage nach einer Aktualisierung der Konzeption von Masse im Zuge der zunehmenden Medialisierung und informationellen Überformung (Augmentation) der Lebenswelt sowie nach den „Dynamiken und Effekten digitaler Technologien und ihren gesellschaftlichen und politischen Implikationen“ (CfP). Damit steht schlieslich die These vom Verschwinden der Masse, wie sie als medial verursachte Isolierung der Individuen vorgetragen wurde, vor der Ablösung. (Bild: Giuseppe Pellizza da Volpedo (1901) Il Quarto Stato – Der vierte Stand. Mailand, Civica Galleria d’Arte Moderna, Bildnachweis: Carlo Pirovano (Hg. ): La Pittura in Italia. Il Novecento / 1. 1900-1945, Mailand: Electa 1991 S.51)

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