Datenschatten

Es ist allseits bekannt, dass unsere digitalen Fussabdrücke (Einkäufe, Telefonate, Emails, Flugreisen, Grenzüberquerungen) heute gespeichert und ausgewertet werden. Zusätzlich werden inzwischen aber zunehmend auch Geodaten in Algorythmen übersetzt, als Datensätze gespeichert und zu Profilen decodiert. Diese Korrepondenz von Daten und entsprechenden Geocodes lenkt die Aufmerksamkeit dabei auf die Situationen (auf das Wo & Wann) der Mediennutzung: dabei stehen vor allem die Fragen nach der Verortung von Mediennutzung sowie nach der Lokalisierung des Mediennutzers im Mittelpunkt. So stellen immer mehr standortbasierte Dienste entsprechende Dienstleistungen zur Verfügung, die genau auf die Preisgabe unseres Standorts abzielen – vor dem Hintergrund der zunehmenden Kommodifizierung urbaner Räume ein eher unbehaglicher Gedanke, der eine neue Dimension des Data Mining eröffnet hat.

Ist unsere Individualität nun endgültig nur noch ein statistisch mehr oder weniger häufiges Bündel von Merkmalen und Eigenschaften, bei denen das Private ins Öffentliche tritt und nicht mehr umgekehrt? Die digitale Erfassung des Realraums deutet zumindest auf eine Intensivierung von Überwachung und Disziplinierung öffentlicher Räume hin: Der panoptische Blick kommt nun ohne Augen und Wachpersonal aus. Sind die Überwachungsbilder von Morgen dann vor allem Ergebnisse räumlicher Indexierungen aus ortsbasierten Datensätzen?

In der Telepolis-Buchreihe ist dazu unter dem Titel Datenschatten gerade ein interesanter Band erschienen: „Elektronische Medien durchdringen bereits große Bereiche der Gesellschaft. Durch Satellitenortung, RFID, die Vernetzung von Datenbanken hinterlässt das Handeln der Menschen ein immer detaillierteres digitales Abbild, das später zunehmend automatisiert überprüft, analysiert und bewertet werden kann. Dies verändert die Beziehung zwischen Eltern und ihren Kindern, zwischen Lehrern und Schülern, zwischen Staat und Bürger, im Büro und in der Fabrik.“

Vergessen werden sollte dabei aber nicht, dass vor allem ortsgebundene Medien auch eine neue Dimension physisch-sozialer Interaktion eröffnen – ihr Potential Menschen und Objekte zu verbinden und zusammenzuführen, ermöglicht ebenso neue Raumnutzungen: Die Auswertung der geomedial abgetasteten Umwelt macht Raume und Orte neu sichtbar und ermöglicht neue Formen der Navigation in ihnen. Diese Location-Awareness bedient sicher auch einen Bedarf an raumbezogener Orientierung, der angesichts der Allgegenwärtigkeit und Verfügbarkeit des Digitalen wachsen wird.

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