Postprivacy und die Transparenz der digitalen Revolution

Sie haben wieder einmal für Aufmerksamkeit gesorgt, die geleakten US embassy cables. Und wieder wird diskutiert was die Enthüllungen denn nun wirklich für einen Impact haben. So werden etwa kurzfristige Auswirkungen auf bilaterale Beziehungen sicherlich beobachtbar sein. Die im Zuge der Veröffentlichungen entstehenden Diskussionen münden aber in ein Agenda-Setting, aus dem sich eine wesentlich weitreichendere Debatte ergibt, nämlich die über das zukünftige Verhältnis von Öffentlichkeit und Privatheit. So erwartet Florian Rötzer zum Beispiel die Eingrenzung der „Offenheit und Grenzenlosigkeit der digitalen Revolution auf allen Seiten“. Für ihn wird es von nun an zunehmend „darum gehen, Inseln zu schaffen, die außerhalb der digitalen Offenheit stehen. Privat werden wir uns mehr und mehr einigeln oder nur noch strategisch Bedeutsames posten, Unternehmen und Behörden werden nicht nur die Firewalls ausbauen und den Zugriff auf wichtige Informationen einschränken, sondern auch vermehrt vermeiden, überhaupt digitale Daten zu erzeugen. Möglicherweise ist das Zeitalter der digitalen Transparenz so schnell vorbei, wie es eingeläutet wurde. Könnte gut sein, dass Wikileaks zum Vorreiter des digitalen Mittelalters wird.“ (zum Artikel auf Telepolis).

Michael Seemann hingegen fordert, den Verlust der Privatssphäre unbedingt als Chance zu begreifen: dabei geht es aber weniger darum, inwieweit eine Gesellschaft ohne Geheimnisse unbedingt erstrebenswert wäre, sondern zunächst einmal um die Notwendigkeit des Entwurfs einer Postprivacy-Utopie: denn die werden wir brauchen, um unsere Vorstellungen von Öffentlichkeit und Privatheit zu schärfen – ob wir nun wollen oder nicht. Eine solche Vision liefert zum Beispiel der neue Dummy von Blinklichten zum Thema Privatsphäre, der nach den gesellschaftlichen Implikationen und Vorstellungen von Normalität einer sich nach außen stülpenden Privatspähre von übermorgen fragt. Wenig überraschend daran ist, dass es gerade die digital Sozialisierten sind, die ihre Flucht aus dem „Gefängnis Privatsphare“ als neue „Freiheit“ (Sascha Lobo) inszenieren. Zwar ist diese Freiheit ein nicht unwichtiger Baustein einer Postprivacy-Utopie, weil sie mehr digitale Opazität einfordert (siehe z.B. hier). Doch erweist sie sich insofern als vermeintlich, als dass die mit ihr verbundene Vorstellung informationeller Selbstbvestimmung sich bereits heute als zunehmend unrealisierbar herausstellt. Gerade deshalb brauchen wir aber die Auseinandersetzung mit der Utopie: damit sich die Verhätlnisse unseren Begriffen anpassen und nicht umgekehrt! (Bild: Blinklichten Produktionen, Creative Commons BY-NC-SA)

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